Konflikte im Miteinander lösen
Medi-Fonie – Konfliktvermittlung am Telefon – Aktion im September '26

VII. Geh doch zu Momo … Teil 7

Oder: Was hat Momo mit Mediation zu tun? Über die erstaunlichen Möglichkeiten, Konflikte im Miteinander zu lösen, wenn denen, die in sie verstrickt sind, respektvoll begegnet wird – und nicht selten mit Blick auf's Wesentliche.

Es war ein so vergnügtes Fest, wie es nur arme Menschen zu feiern verstehen“, stellt Michael Ende 1973 in „Momo“ schon im erstenKapitel fest. Oha! Ein Schuss Sozialromantik, eine Tasse Tatsachen, ein Fass Floskeln? Also was ist es – das Wesentliche? Dieser Frage gehtjeder Mensch am besten selbst auf den Grund.

Grundbedürfnisse – oha!

Essen, Trinken, Kleidung und ein Dach über dem Kopf – ein passendes Auskommen – dazu gesundes Klima zum Arbeiten, Ruhe zum Schlafen, Freiheit zum Denken, Frieden zum Leben, Musik zum Feiern – Grundbedürfnisse eben.
Und schon einmal vorab: Das alles und noch viel mehr ist auch wesentlich für das Gegenüber. Der Perspektivwechsel spielt in der Mediation, in der professionellen Vermittlung im Konflikt, eine zentrale Rolle. Davon war im zweiten Teil dieser Reihe schon die Rede. Es geht also wesentlich auch um‘s Wesentliche aus Sicht der anderen Seite. Und Bedürfnisse haben existentielle Bedeutung. Sie bedürfen allseitiger Beachtung in Konflikt, Verhandlung, Vermittlung.

Grundbedürfnisse – hie ...

Aber zurück zu Momo: Momo hat das Wesentliche jedenfalls im Blick. Sie schätzt die Qualitäten ihres sozialen Umfelds, dass sie so bleiben lässt, wie sie ist und wo sie ist. Und „die Leute aus der näheren Umgebung“, ihr soziales Umfeld, erkennen in Momo die talentierte aktive Zuhörerin, die auch als Vermittlerin in Konflikten wirkt. Deshalb gilt ihrem Freundeskreis die Formel:
„Geh doch zu Momo.“ Natürlich: das große Thema Alleinsein schwebt drohend auch über den Figuren der Geschichte.

Grundbedürfnisse – ... und da

Der Schauplatz der Erzählung ist auch geschichtliches Zeugnis: Ein altes, beinahe vergessenes Amphitheater am Rande einer großen Stadt. Hier gehen die Uhren langsamer. Doch Zeit hält kein Mensch auf. Und Zeit verkommt im Verlauf der Handlung zu einem Rohstoff, zu universeller Währung. Diese Währung ist Gegenstand des Interesses skrupelloser Geschäftemacher, der „grauen Herren“, gekennzeichnet durch Anzug, Aktentasche und Zigarre. Die Organisation der grauen Herren steht als Graupause für Verführung, vollständige Kontrolle und in der Folge für Unterdrückung, Beherrschung, Ausbeutung der Menschen. Der Blick auf‘s Wesentliche der grauen Herren richtet sich auf die Zeit aller, kennzeichnet sich durch unendliche Gier und bewirkt Verelendung der Menschen. Doch wie konnte es dazu kommen?

Die grauen Herren „entstehen, weil die Menschen Ihnen die Möglichkeit geben, zu entstehen. Das genügt schon, damit es geschieht. Und nun geben die Menschen ihnen auch noch die Möglichkeit, sie zu beherrschen.
Und auch das genügt, damit es geschehen kann.“

Grundwertekonflikt

Es zeigt sich beim Blick auf‘s Wesentliche hie und da ein grundlegender Konflikt: Wohl und Erhalt des sozialen Umfelds im Mittelpunkt einerseits; ungezügelte Gier und rücksichtsloses Streben nach Macht andererseits.
Diese beiden Blicke sind nicht in Einklang zu bringen. Eine erfolgreiche Vermittlung ist bei derart grundlegenden
Wertekonflikten zunächst nicht absehbar.

Grundeinsatz

Blick auf‘s Wesentliche, hier: auf Investition. In einen laufenden Konflikt, klein oder groß, zu investieren, versteht sich wie von selbst. Krieg kostet ja auch eine Menge. Und dabei verdienen einige wenige im Übermaß daran – gelegentlich auch am Wiederaufbau.   Aber die Lasten des Krieges gehen zu Lasten der meisten. Eine Logik, die nur dann zum Mitmachen reizt, wenn Verführung und Ausbeutung zuvor gut organisiert wird. Das kostet natürlich auch – klar. Doch die Frage bleibt:

Warum nicht in Frieden investieren? Warum nicht verstehen, dass auch in Frieden, in wohlwollendes Miteinander – in dem auch Konflikte beigelegt werden können – investiert werden kann und muss. Es käme günstiger.

Grund genug

Manchmal gilt es den Kampf, ob gleich, ob ungleich, anzunehmen und auszufechten. Womöglich können dabei Standards pfleglichen Miteinanders erhalten werden. In der Geschichte – nicht nur im Märchen – haben Sternstunden gezeigt,
dass Kampf auch ohne Kriegs- und Vernichtungs logik effektiv ist. Voraussetzung ist, dass der Blick auf‘s Wesentliche wohlwollenden, menschenfreundlichen Wertvorstellungen folgt.

Momo nimmt den ungleichen und scheinbar aussichtslosen Kampf an und entscheidet ihn für sich, ihre Freunde, die Menschen. „Dann wurde ein Fest gefeiert, so vergnügt, wie nur Momos Freunde es zu feiern verstehen, und es dauerte, bis die alten Sterne am Himmel standen.“

Überzeugung, Mut, Kraft und Ausdauer sind freilich unerlässlich, damit, wie B. Brecht 1938 zusammenfasst, „das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. Du verstehst, das Harte unterliegt“. Leichter geht‘s mit einem Lächeln.

Mediation im Gespräch

Neben dem Blick auf‘s Wesentliche können im Mediationsverfahren noch andere Register gezogen werden,
zum Beispiel unkonventionelle Intervention – mehr davon in STUZ oder im Gespräch.


Beitrag von Marc Bracht, erschienen in STUZ Nr. 301, Juli 2026