Konflikte im Miteinander lösen
Medi-Fonie – Konfliktvermittlung am Telefon – Aktion im September '26

VI. Geh doch zu Momo … Teil 6

Oder: Was hat Momo mit Mediation zu tun? Über die erstaunlichen Möglichkeiten, Konflikte im Miteinander zu lösen, wenn denen, die in sie verstrickt sind, respektvoll begegnet wird – und nicht selten mit Hilfe produktiver Pausen.

Erinnert sich noch jemand an Momo? Michael Endes sanfte Dystopie im Märchengewand von 1973 ist nach wie vor für jüngere wie ältere Leute lesenswert und wegen reichhaltiger, auch aktueller Relevanz lohnend. En passant bietet Momo Einblicke in Grundlagen der Mediation (lat.: Vermittlung). Mediation, ein professionelles Verfahren zur Konfliktbearbeitung, das Deeskalation und Interessenausgleich allseits im Blick behält und auf einen gemeinsamen Willen der Streitparteien zum Miteinander setzt, scheint dieser Tage auf den Hund gekommen. Es wirkt, als sei kooperative Konfliktlösung in Pause geschickt worden.

Mediation mit Pause

Aktives Zuhören, Perspektivwechsel, Umdeutung, vielversprechendes Fragen und gewinnende Geschichten als zentrale Methoden und Wesensmerkmale in der Mediation, die sich bei Momo finden, waren schon Themen in dieser Reihe. Die produktive Pause, die den Vermittlungsprozess unterbricht, kann eine wirkungsvolle Intervention bedeuten. Sie kann helfen, im Vermittlungsprozess einen hoch emotionalisierten Moment zu entschärfen, einen Moment der Klarheit zu verstärken oder den Moment des Wendepunkts in der Konfliktbearbeitung zu verdeutlichen. Gleichzeitig bietet sich den Streitparteien, wenn in Momos Beisein Konfliktklärungen und -lösungen gefunden werden, ein ruhiger und beruhigender Rahmen, der wie eine Auszeit, eine Pause, vom Streitgeschehen wirkt.

Momos Freunde Nicola und Nino konnten ihren verkrusteten und hoch eskalierten Streit (es kam bereits zu Tätlichkeiten) mit Momos Mitwirkung aufarbeiten. Nach der Klärung der Streitentstehung entstand und wirkte eine Pause. „Als die beiden die Sache nun bis zum Anfang zurückverfolgt hatten, schwiegen sie eine Weile.“ Danach waren beide in der Lage, ihren Konflikt endgültig beizulegen und nachhaltig Frieden zu schließen.

Fatale Pause

Pause ist noch darüber hinaus Teil des großen Themas Zeit, das bei Momo vielschichtig verhandelt wird.
Die Protagonistin Momo legt eine Pause ein – und das, als es richtig spannend wird. Sie steigt für ein Jahr aus der Handlung aus, um neue Worte zu lernen – Worte, die, so hofft sie, wie eine Medizin wirken sollen. Momo verschafft
sich ein Werkzeug, um damit ihre Freunde und die ganze Menschheit zu retten. Ein Werkzeug – heute sprechen wohl viele lieber von Rüstzeug – das ihr dabei helfen soll, zu helfen. Doch als sie wieder in die Handlung einsteigt, hatte sich die Welt, die sie kannte, verändert, hatte sich bedrohlich entwickelt. Momo bekommt es mit erschütternder Einsamkeit und
übermächtigen Menschenfeinden zu tun. Doch zum Glück: Im Märchen geht es immer gut aus, Momo behauptet sich schließlich und teilt die gewonnenen, neuen Worte mit den Menschen zum Wohle aller.

Apropos Pause

Manchmal ist sie kurz, manchmal lang. Manchmal ist sie zu lang, manchmal wird sie zu lang.Nur eines ist sie immer: endlich. Endlich geht es also weiter ... Das Leben macht mal Pause und das Leben ist die Pause. Macht Mensch Pause, herrscht Ruhe und Einklang mit der Natur. Des Menschen Natur scheint ja die Unruhe, der Streit. Mensch ist ständig im Konflikt mit anderen, mit sich – vor allem mit sich, vor allem anderen. Das alles aushalten? Oder auch mal gegen die Natur des Menschen ankämpfen? Also in Momos Sinn zuhören wollen, Konflikte lösen wollen, jemand dabei zu Hilfe holen. Aber warum das alles überhaupt, wenn doch die Natur des Menschen ganz anders gestrickt ist?
Weil Mensch es kann? Weil Mensch es sollte? Ach, die Moral. Und es bleibt eine Dreigroschenweisheit: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ ... Und ohne Moral? Erst der Finger, dann die Faust und dann doch – hoppla – ein Lächeln? EIn friedfertiges, wohlwollendes Lächeln? Schon bräucht‘s keine Moral mehr. Hat das große Lächeln erst Konjunktur, dann verteilt sich das Fressen von ganz allein. Denn dann greift Wohlwollen um sich, schlägt aus wie Triebe im Frühling. Und wenn Selbsterhaltung zu seinen Trieben gehört, sollte Mensch mal, ob mit, ob ohne Moral, nachdenken, zuhören und lächeln. Denn stetes Lächeln löst den Schleim!
Dass das weiche Wasser in Bewegung mit der Zeit, den mächtigen Stein besiegt. Mensch, versteh‘s: das Harte unterliegt.

Mediation im Gespräch

Neben gewinnenden Geschichtenkönnen im Mediationsverfahren noch andere Register gezogen werden: zum Beispiel  der Blick auf‘s Wesentliche – mehr davon in der nächsten STUZ oder im Gespräch ...


Beitrag von Marc Bracht, erschienen in STUZ Nr. 300, Juni 2026