Konflikte im Miteinander lösen
Medi-Fonie – mediative Konfliktvermittlung am Telefon – Aktion im Januar '24

Geh doch zu Momo … Teil 5

Oder: Was hat Momo mit Mediation zu tun? Über die erstaunlichen Möglichkeiten, Konflikte im Miteinander zu lösen, wenn denen, die in sie verstrickt sind, respektvoll begegnet wird – und nicht selten mit Hilfe gewinnender Geschichten.

„ … nie an die ganze Straße auf einmal denken … nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur an den nächsten … Dann macht es Freude; das ist wichtig …“ Michael Ende, Momo, Thienemann, Stuttgart 1973.

Wenn Beppo Straßenkehrer – einer von Momos allerbesten Freunden – darüber philosophiert, wie sich eine große, nahezu übergroße Aufgabe besonnen und mit sorgsamer Aufmerksamkeit meistern lässt, dann überträgt er den Kern der alten, vielfach ähnlich überlieferten Weisheit: „Wenn ich stehe, dann stehe ich. Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich sitze, dann sitze ich.“ auf den Asphalt der Moderne. Überall und zu jeder Zeit erzählen sich Menschen Geschichten; einfach nur zur Unterhaltung ebenso wie zur Beruhigung, zum Trost, zur Erklärung, als Rat. Dabei erzählen Ältere den Jüngeren, Besorgte den Betagten, Begabte den Betuchten, Ratkundige den Ratsuchenden.

Eine Geschichte – ein Geschenk

Eine Geschichte ist wie ein Geschenk. Wer sie erzählt bekommt, darf sich freuen, darf sich umhüllen lassen vom Gefühl gut aufgehoben und wohlwollend bedacht zu sein – darf mitunter auch nicht zuhören und eigenen Gedanken nachhängen. Doch – wie so oft – lohnt es sich zu lauschen. Eine Geschichte schafft eine Erinnerung oder Ahnung von Geborgenheit. Darüber hinaus lassen Geschichten Bilder entstehen, die den zeitlichen und inhaltlichen Kontext der aktuellen Befindlichkeit überlagern – womöglich auch unterlagern. Denn diese Bilder können den Blick freigeben auf die andere Seite der Oberfläche, die Unterseite der Straßendecke gewissermaßen. Außerdem: Den Gestalten, die in einer Geschichte agieren, mit schmunzelnder Distanz begegnen zu können, lockert ohne Anstrengung eigene Krusten im Denken wie Befinden.

Eine Geschichte – eine Aufforderung

Eine Geschichte fordert auf, fordert heraus zur Auseinandersetzung mit etwas – auf den ersten Blick – völlig anderem, ist sanfte Provokation, die Gedanken schweifen zu lassen, sich von der umfassenden Allmacht der aktuellen Situation ablenken zu lassen und durchzuatmen. Gelegentlich hält also eine Geschichte eine kleine Zuflucht, eine kleine Auszeit bereit. Mit diesem kleinen Fetzchen Zeit kann großes, grundlegendes Umdenken beginnen. Frische Überlegungen, neue Konstruktionen der eigenen Sicht auf die Welt werden dadurch erleichtert, dass die Geschichte nichts mit der eigenen Situation zu tun haben muss. So locken die Assoziationen diejenigen, die eine Geschichte hören, besonnene Schlüsse mit Blick auf die eigene Lage zu ziehen – auf den zweiten Blick.

Eine Geschichte – im Konflikt

Wen wundert es, dass auch in der Mediation, wenn es darum geht Konflikte im Miteinander zu lösen, eine Geschichte zum richtigen Zeitpunkt wirkungsvoll sein kann, um eingerostete Kommunikation wieder in Gang zu bringen. Eine Geschichte wirkt auf die Konfliktparteien zunächst irritierend, dann aber erholsam, oft befreiend und überwindet so die starren Muster von Kampfstrategie, Wundversorgung, gepflegtem Unverständnis und routinierter Geringschätzung der anderen Seite. Insofern ist eine anfängliche Irritation keine Störung eines Mediationsprozesses und der damit verbundenen Chance einen Konflikt kooperativ und in der Folge dauerhaft und für alle Seiten zufriedenstellend beizulegen.

Eine Geschichte – eine Irritation

Irritierende Geschichten sind das Spezialgebiet von Gigi Fremdenführer – Momos anderem allerbesten Freund. Einmal wirft er mir nichts, dir nichts die ganze Theorie über die Erdentstehung über den Haufen und ermöglicht damit eine radikale Neubetrachtung der Welt. Ein anderes Mal erzählt er eine Geschichte, in der es um den Preis von Krieg und Frieden geht. Dabei gilt für die siegreiche Seite das Motto: je größer, desto besser. Für die unterlegene Seite gilt: mit Tricks billig davonkommen. Am Ende funktioniert der Betrug, weil die Maxime je größer, desto besser, die Gier, den Blick auf die Realität verstellt und den erfolgreichen Betrug ermöglicht hat. Beide Geschichten sind absurd, grotesk, strotzen vor Übertreibung und sind gerade dadurch genießbar, um die Kerngedanken ohne Beschwerden wie Unverständnis oder Beunruhigung zu verdauen. Gigi Fremdenführer hat mit der Ruine des alten Amphitheaters, dem Hauptschauplatz des Märchens eine passende Bühne. Auch für die Lösung von Konflikten gibt es einen geeigneten Platz, an dem Sieg und Niederlage keine Rolle spielen: am runden Tisch – am runden Tisch einer Mediation.

Mediation im Gespräch

Neben gewinnenden Geschichten können im Mediationsverfahren noch andere Register gezogen werden: zum Beispiel produktive Pause – mehr davon in der nächsten STUZ oder im Gespräch ...


Beitrag von Marc Bracht, erschienen in STUZ Nr. 238, Juni 2020